Thomas Kumlehn

Ausschnitt aus EPILOG FÜR EINEN GEFÜLLTEN RAUM
gehalten am 30. Juni 2002 im Pavillon auf der Freundschaftsinsel in Potsdam zur Finissage der Ausstellung TANGRAM von Alice Bahra und Ute Safrin

Alice Bahra hatte Transparentpapier mit bleiernem Lot versehen und am 2. Juni begonnen in die erste diagonal gespannte Sehne zu hängen. Diese Tätigkeit hielt sie bis auf den heutigen Tag aufrecht. Inzwischen sind acht Fluchten entstanden, die den Raum gleichermaßen strukturieren wie sie ihn auch in ein luftiges und lichtes Labyrinth verwandelt haben. ... Setzt man einen Fuß vor den anderen, wird man geführt; von papiernen Gängen, die sich in unterschiedlichen Winkeln aneinander reihen. Sie gebieten Einhalt, wenn sie sich ineinander verschränken, laden aber auch manchmal überraschend zum Wechsel der Fluchtlinie ein, wenn sie sich als offen erweisen. Jede hastige Bewegung erzeugt einen Windzug, der sich in der hängenden Blattsammlung verfängt und diese rascheln lässt. Unmerklich wäre er woanders. Hier nehmen wir Notiz davon und können an der Lautstärke des von uns in Bewegung gesetzten Papiers unsere Körperfläche und das Maß unserer Geschwindigkeit ableiten, mit der wir durch den Pavillon stromern. ...
Der Innenraum ist seit dem 2. Juni tagein tagaus - von gleichmütiger Handlung verursacht - einem geometrischen Wachstumsprozess unterzogen worden. in wahlverwandter Korrespondenz mit der pflanzlichen Außenwelt des Gebäudes entstand ein allerdings jahreszeitlich unabhängiges Gebilde, das einen formal strengen wiewohl poetischen Charakter trägt. Die formale Strenge ist eine beabsichtigte Eigenschaft der kompositorischen Gliederung des Raumes. Ich möchte diese Aussage mit einer Hypothese verdeutlichen. Hübe man den Pavillon wie eine Haube an - in Gedanken versteht sich und nur das über dem Erdboden befindliche Gehäuse - könne man sich vorstellen, dass sich die in ihrer Anmutung begehbare Installation auch ohne den Bau behaupten würde. Daraus lassen sich m.E. zwei wesentliche Qualitäten der künstlerischen Arbeit ableiten. Sie respektiert das Maß des offenen Baukörpers sowie dessen aufnehmende Funktion, die man als Matrize bezeichnen kann. Der poetische Charakter des Gebildes erwächst sowohl aus seiner abstrahierten floralen Form, die mit der mangoldfarbenen Sehne erzeugt wird, als auch aus der papiernen Anverwandlung des etymologischen Ursprungs für das Wort Pavillon. Quelle dieses Fremdwortes ist lat. 'papilio' Schmetterling, das schon im Spätl. auch übertragen 'Zelt' bedeutete, wohl aufgrund eines Vergleiches des aufgespannten Zeltes mit den Flügeln eines Schmetterlings.
Die Wahl der Künstlerin auf Papier zurückzugreifen, welches transparente Eigenschaften besitzt, benennt einmal mehr die hochkomplexe Symbiose, der man beiwohnt. Sie tritt unangestrengt und feinfühlig zu Tage, wenn man sich den seriellen Details widmet und die schlüssige Verbindung aus Gesuchtem, Vorgefundenem und Gestaltwerdung erkennt. 'Die Wirklichkeit liebt die Symmetrien und die leichten Anachronismen...' lautet ein Satz in der Erzählung 'Der Süden' von Jorge Luis Borges. Er ist als solcher bemerkenswert in seiner geschliffenen Sprache, aber auch ein Pendant im Zusammenhang mit der heutigen Finissage. Wir bewegen uns hier in dem Resultat eines vierwöchigen Arbeitsprozesses und werden gleichsam ins Vertrauen gezogen, wenn wir in die Stadien dieses Prozesses eingeweiht werden. Alice Bahra hat für sich und uns die unmittelbare Vergangenheit dokumentiert. Darauf erkennen wir den Beginn und den Verlauf der Arbeit. Wir können ebenso nachvollziehen, wie das einfallende Licht der unterschiedlichen Tageszeiten den Charakter der Arbeit beeinflusst und wandelt. Es ist besonders faszinierend die langen Schattenwürfe der Abendsonne zu erleben. Heute zum letzten Mal. In einem unscheinbaren Nebengelass wird das Bildgedächtnis via Projektor an die Wand geworfen und macht etwas wichtiges glaubhaft. Selbst wenn das Ende der Ausstellung nah ist, bleiben von der Erinnerung an die heutige Begegnung nicht allein die Worte, die wir dafür finden.